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Schloss Weinzierl
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3250 Wieselburg

Kapelle von Schloss Weinzierl

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Festsaal Schloss Weinzierl

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Mittwoch 04. Oktober 2017
Uraufführung "Per Petuum" am 27.10.2017

Eine Uraufführung steht am 27.10. im Konzert des Altenberg Trios auf dem Programm: Es ist "Per...» weiterlesen

Ein junger Mann

Als Haydn zwischen 1755 und 1757 auf Einladung des Edlen von Fürnberg nach Weinzierl kommt, ist er ein junger Mann von Mitte zwanzig Jahren. Dieser frühe Lebensabschnitt ist nicht prägend für das Haydnbild, das wir heute mit dem Komponisten verbinden. Wir assoziieren weit eher den reifen Mann, den vielbeschäftigten Kapellmeister bei Fürst Esterhazy, den weltberühmten Komponisten oder den vielgeliebten und geehrten alten Mann, der eben seine großen Oratorienwerke „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“ vollendet hat und in seinem Haus in Gumpendorf die vornehmsten Vertreter aus Kunst, Wissenschaft und Politik empfängt.

Für den jungen Joseph Haydn ist es das erste Mal, dass er einer Einladung zu einem längeren Aufenthalt folgt, die nur ihm persönlich und seiner Arbeit als Komponist und Musiker gilt. Sicherlich ist es schön für ihn, die liebliche Landschaft des Alpenvorlandes zu genießen und dem Druck der Lebensumstände in Wien für einige Zeit zu entfliehen. Vor allem aber ist es eine völlig neue Situation: Er befindet sich in einem ihm ungewohnten sozialen Umfeld und es werden hohe Erwartungen an ihn gerichtet.

Hier erscheint es interessant, einige Begebenheiten aus Haydns Kindheit und Jugend anzuführen, die im Zusammenhang mit dem Besuch in Weinzierl von Bedeutung sein können.


Zu Hause

Elternhaus

Die Geborgenheit im Elternhaus und das freie Spielen in der unberührten, vogelreichen Aulandschaft um den Weiler Rohrau, war mit Joseph Haydns sechstem Lebensjahr zu Ende gegangen. Vater Mathias Haydn, ein gelernter Schmied, der im Dorf die angesehene Stellung des Marktrichters innehatte, gab seinen Sohn zur Ausbildung zum Schulrektor und „Regens chori“ Johann Mathias Franck, einem entfernten Verwandten der Familie, nach Hainburg. Der Vater, der selbst Geige spielte und das große Talent des Sohnes erkannte und förderte, wollte ihm eine gute musikalische Ausbildung zukommen lassen. Joseph Haydn beschreibt später in den autobiographischen Notizen seine außergewöhnliche Begabung so:

“Gott der allmächtige (welchen ich alleinig so unermessene gnade zu dancken) gab mir besonders in der Music so viel leichtigkeit, indem ich schon in meinen 6ten Jahr ganz dreist einige Messen auf dem Chor herab sang, auch etwas auf dem Clavier und der Violin spielte.“


Bei „Vetter Schulmeister“ in Hainburg

Sein großes Interesse galt der Musik und den Tönen, die man auf Instrumenten und auf verschiedenen Gegenständen erzeugen kann. Beim Glocken läuten und Trommel schlagen war er in seinem Element. Der Onkel, förderte seine Begabung und erteilte ihm neben den Gesangstunden auch Violin-, Spinett- und Orgelunterricht.

Aus dieser Zeit und auch aus den späteren Jahren am kaiserlich-königlichen Konvikt als Dom- und Hofsängerknabe zu Sankt Stephan weisen die wenigen überlieferten Geschichten und Anekdoten alle in dieselbe Richtung: Der kleine Joseph war ein wilder, ungestümer Bub, immer zu Späßen und Schabernack aufgelegt. Auch wenn er unter den Prügeln des „Vetter Schulmeisters“ litt - Haydn erzählte später, dass er bei ihm mehr Prügel bekommen hätte als zu essen – ließen ihn seine Neugier und sein Erfindungsgeist nicht ruhen, vor allem, wenn es um Musik ging:

Kurz vor dem Fest des Hl. Florian – Joseph war inzwischen 7 Jahre alt geworden – fehlte ein Paukenschläger für den Umzug. Der Schulmeister, der bemerkt hatte, wie sicher der kleine Joseph im Schlagen des Rhythmus war, fragte, ob er die vakante Stelle einnehmen wollte. Joseph war beglückt vom Angebot des Onkels und übte heimlich auf einem hölzernen Mehlbehälter, den er aus der Küche entwendet hatte. Später fand der Onkel den vom Mehl weiß gepuderten Knaben, der heftig trommelte und es setzte eine Tracht Prügel. Während der Prozession am nächsten Tag schlug Joseph dann voller Stolz sauber und gekonnt mit seinen Schlegeln auf die echte Pauke.

Haydn hatte Zeit seines Lebens eine besondere Vorliebe für dieses Instrument; so spielte er 1791 in London unter großer allgemeiner Bewunderung eigenhändig die Partie der Pauke bei der Aufführung einer seiner Symphonien. Vielleicht lag Joseph Haydn der Rhythmus im Blut – eingehämmert von seinem Vater dem Schmied. 


Sängerknabe im Konvikt zu St. Stephan

Georg Carl von Reutter

Mit 8 Jahren wurde Haydn vom Domkapellmeister und Komponisten Johann Karl Reutter 1740 als Sängerknabe in das kaiserlich - königliche Konvikt, die Stephanskantorei nach Wien geholt. Reutter hatte des Knaben schöne Stimme entdeckt, als er in Hainburg bei Schulrektor Franck zu Besuch war.

Stefansdom

Bis zu seinem 17. Lebensjahr blieb Joseph Haydn im Konvikt. Es war eine entbehrungsreiche Zeit mit strenger Erziehung und dürftigen Mahlzeiten, fern vom Elternhaus. Die musikalische Ausbildung mit Gesangstunden, Unterricht auf der Violine und auf Tasteninstrumenten stand im Mittelpunkt. Dazu kam der tägliche Kirchendienst (Singen bei Vespern, Messen, Taufen, Beerdigungen und beim Hochamt). Komposition wurde am Konvikt nicht unterrichtet. Haydns kompositorisches Talent wurde von Domkapellmeister Reutter nicht gefördert, sondern für das Transkribieren und Variieren von Vespermusiken und Motteten genützt. Haydn lernte am täglichen Umgang mit seinen musikalischen Vorbildern und er bildete sich später selbst weiter z.B. beim Studium der Kompositionslehre „Gradus ad Parnassum“ von Johann Joseph Fux oder den Kompositionen von Carl Phillip Emanuel Bach. In seiner biographischen Skizze aus 1776 meint er dazu:

    „... wer mich gründlich kennt, der muß finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke.“

Die älteren Konviktschüler wurden zum Unterricht der jüngeren herangezogen. So unterrichtete Joseph Haydn später auch seinen jüngeren Bruder Michael, der 1745 als Chorknabe in das Konvikt aufgenommen wurde.

1808 erzählt der alte Mann vor Chorknaben seines ehemaligen Konvikts, die ihn besuchen, wie er damals oft heimlich ein „Clavierl“ (wahrscheinlich ein Clavichord) zum Üben auf den Dachboden geschleppt hat.

Weiters erfahren wir aus verschiedenen Quellen über einige „practical jokes“, die sich der Chorknabe erlaubte:
So kletterte er auf die eingerüstete Fassade des Schlosses als die Chorknaben vor Kaiserin Maria Theresia im Park von Schönbrunn sangen und imitierte aus luftiger Höhe Vogelstimmen. Oder er schnitt einem Kollegen den Zopf der Perücke ab. Für Domkapellmeister Reutter war dieser Streich ein willkommener Anlass den inzwischen17jährigen Joseph Haydn von einem Tag auf den anderen aus dem Konvikt zu verweisen. Joseph war nämlich in den Stimmbruch gekommen und die Kaiserin hatte sich über seine krächzende Stimme beschwert.

Diese Vorgangsweise war unüblich. Meist erhielten die Chorknaben bei ihrem Stimmbruch entweder Geld für ihre Heimreise oder ein Stipendium zur weiteren musikalischen Ausbildung am Konvikt. 


Schwierige Freiheit in Wien

Auch die Probleme der nun folgenden Jahre bewältigt Haydn aus eigener Kraft. Er gibt Musikunterricht, übernimmt kleine Engagements bei Bällen und Nachtmusiken. Gäste und Passanten bestellen kleinere Kompositionen. Haydn schreibt erste Notturni und Cassationen. Er kommt in enge Berührung mit der Volksmusik. 1751 entsteht sein erstes Bühnenwerk, die Musik zum Singspiel „Der neue krumme Teufel“ von Felix Kurz, genannt „Bernadon“, einem Volksschauspieler und Komiker. Leider ist Haydns Musik zu dieser „Opera – Comique von zwey Aufzügen“ verloren gegangen.

Einen kontinuierlichen Verdienst hatte Haydn als Primgeiger bei den Barmherzigen Brüdern in der Leopoldstadt und einen gelegentlichen als Organist im Palais des Grafen Haugwitz in der Josefstadt.

Dass er selbst diesen Lebensabschnitt als sehr schwierig erlebte, geht aus seinen biographischen Notizen hervor:

    „... durch dieses elende brod gehen viele genien zu grunde, da ihnen die zeit zum studiren manglet. Die Erfahrung trafte mich leyder selbst, ich würde das wenige nicht erworben haben, wan ich meinen Compositions Eyfer nicht in der nacht fortgesetzt hätte.“

Nach verschiedenen Notquartieren bei Bekannten wohnt er ärmlich im „Michaelerhaus“ (Kohlmarkt Ecke Michaelerplatz). Im Dachgeschoß neben seiner Stube lebt ein anderer Mieter, der ein altes Klavier besitzt. Haydn meinte später:

    “Wenn ich an meinem alten, von Würmern zerfressenen Klavier saß, beneidete ich keinen König um sein Glück!“

Das Michaelerhaus hat aber auch andere Bewohner, mit denen er wohl dank seiner musikalischen Fähigkeiten und seiner angenehmen Umgangsformen bekannt wird. Darunter ist Pietro Metastasio, der erfolgreiche Librettist, Dichter und Hofdramaturg. Über dessen Empfehlung wird er Begleiter der Sängerin Marianna Martinez, die eine Schülerin des berühmten neapolitanischen Gesangslehrers Niccoló Porpora ist. Porpora war in Wien auch als Oratorien- und Kammermusikkomponist sehr gefragt. Durch die gemeinsame Arbeit lernt Haydn die musikalische Kompetenz Porporas schätzen und vertraut den Korrekturen, die Porpora an den ihm vorgelegten Kompositionen anbringt.

    „Ich schriebe fleissig, doch nicht ganz gegründet, bis ich endlich die gnade hatte von dem berühmten Herrn Porpora (so dazumahl in Wienn ware) die ächten Fundamente der sezkunst zu erlehrnen“.

Haydn erlernt auch die italienische Sprache bei Porpora. Und er betreibt „networking“: So lernt er durch seine musikalische Tätigkeit beim Prinzen von Hildburghausen auf dessen Landsitz und in dessen Stadtpalais „Rofrano“ (heute Palais Auersperg) berühmte Musiker und Komponisten kennen: Carl Ditters von Dittersdorf, Christoph Willibald Gluck, Georg Christoph Wagenseil und Giuseppe Bonno.

Im Sommer begleitet er seinen Lehrer als sein Adlatus in das damalige Modebad Mannersdorf am Leithagebirge, um dessen Lektionen im Gesang am Klavier zu begleiten. Auch dort bietet sich die Gelegenheit, interessante Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und bedeutende Musiker zu treffen. 


Einige Charakteristika des jungen Mannes

Lassen sie uns ein wenig innehalten und einige Charakteristika des jungen Mannes anführen, die die spärlichen Daten zu Kindheit und Jugend nahe legen:

Von frühester Kindheit an ist sein Wesen von einer tiefen Hingezogenheit zum Klang und zur Musik erfüllt und sehr bald auch vom Bewusstsein um sein Talent. Die innere Sicherheit um die von Gott gegebene Gnade der großen musikalischen Begabung beinhaltet für ihn auch die Aufgabe, sie zu entwickeln und an ihr zu arbeiten. Er tut das fortan leidenschaftlich und konsequent. Allein, auf sich gestellt verfolgt er zäh und ausdauernd sein Ziel. Einfallsreich und kreativ überwindet er äußere Widerstände, die seinem Bildungseifer entgegenstehen. Neugierig und wissbegierig nützt er jede erdenkliche Möglichkeit seine Kompositionsstudien voran zu treiben.

Die frühe Trennung vom Elternhaus, die Entbehrungen und Misshandlungen in den folgenden Jahren lassen ihn nicht zerbrechen. Er lernt, dass er für sich selbst sorgen kann. Ohne Führung durch einen ihm nahe stehenden Menschen, ohne Einfluss eines bedeutenden Lehrers, studiert er autodidaktisch, was ihm in die Hände kommt. Später wählt er aus dem reichen Material, das er im Lauf seiner Gesangs- und Instrumentalausbildung kennenlernt, jene Werke aus, die seinen Vorstellungen entsprechen und ihn weiterbringen können. Seine Äußerungen zu den eigenen Kompositionen der frühen Zeit, zeigen den hohen Anspruch ebenso wie die starke Selbstkritik, die seine Arbeit begleiten.

In späteren Jahren beschreibt Haydn seine Arbeitsweise für die Zeit seiner Tätigkeit bei Fürst Esterhazy gegenüber seinem Biographen Griesinger in sehr prägnanter Weise:

    „... Niemand konnte mich an mir selbst irre machen und mich quälen, und so musste ich original werden.“

Das Grundmuster der unabhängigen, selbstständigen und autonomen Arbeitsweise findet sich schon in den Jahren am Konvikt angelegt. Haydn hat es im Laufe seines Lebens den jeweiligen Umständen angepasst und differenziert.

Ein weiterer Wesenszug, sein ausgeprägter Sinn für Humor, manifestiert sich schon in früher Kindheit und hat ihm wohl immer wieder in schwierigen Situationen geholfen, vor allem wenn neben die spontane Reaktion in späteren Jahren auch die geplante Aktion trat.

Indirekt ist aus den biographischen Angaben aus den Jahren nach der Entlassung aus dem Konvikt zu entnehmen, dass er allmählich lernt, sich in neuen sozialen Situationen schnell zurecht zu finden, dass er soziale Kompetenz entwickelt und sie gezielt für sein Weiterkommen einsetzt. 


Baron Karl Joseph von Fürnberg

Baron Karl Joseph von FürnbergEs ist nun sehr wahrscheinlich, dass dieser junge Mann, Begleiter des berühmten Gesangspädagogen Porpora, in Mannersdorf mit Baron Fürnberg zusammen trifft, der mit seiner Familie ebenfalls in dem prominenten Badeort zur Kur ist und auf den jungen begabten Musiker aufmerksam wird. Karl Joseph von Fürnberg, ein musisch interessierter und gebildeter Mann, lädt Haydn auf seinen Sommerwohnsitz Schloss Weinzierl ein. Er möchte, wie viele Adelige dieser Zeit, die dem Vorbild des Kaiserhauses folgen, dass in seinem Schloss Musik gemacht wird. Nicht nur seinen finanziellen Mitteln sondern auch seinen Interessen entsprechend, soll es Kammermusik sein. Karl Joseph Edler von Fürnberg bekleidet die Stelle eines n. ö. Regimentsrates in Sachen Justiz. Er kann von den Gütern und vor allem von dem großen Waldbesitz, die sein Vater Johann Karl Weber von Fürnberg erworben hat, ein gutes Leben führen und Schloss Weinzierl ist der Lieblingsaufenthalt des Barons. Als Haydn nach Weinzierl kommt, ist Karl Joseph etwa 35 Jahre alt. Mit ihm im Schloss leben seine zweite Ehefrau, ein Kleinkind, das dieser Ehe entstammt sowie Sohn und Tochter im Alter von 12 und 13 Jahren aus seiner ersten Ehe.

 

Die Familie der Weber von Fürnberg und Schloss Weinzierl

Schloss Weinzierl Kupferstich

Die Familie der Weber von Fürnberg stammte aus der Gegend von Würzburg. Der Vater, Johann Karl war Doktor der Medizin und der Philosophie und n. ö. Regimentsrat in Sanitätssachen. Vor allem war er ein sehr geschäftstüchtiger Mann. Er erwarb Güter und Waldbesitz am linken und rechten Donauufer (die Güter Weinzierl, Wocking und Weichselbach; Herrschaften im Weitental sowie den Weinsbergerwald)

„Aufgrund seiner vorzüglich zu Gunsten Österreichs unter der Enns entfalteten Tätigkeit“ wurde ihm 1731 von Karl VI. der Ritterstand verliehen.

Weinzierl gehörte nicht zu den großen Herrensitzen der Gegend wie etwa die Riegersburg. Sein viereckiger Grundriß lässt es eher wie ein ins Monumentale übertragener und mit Ecktürmen ausgestatteter Vierkanthof erscheinen. Der Stich von Matthäus Vischer aus 1672 vermittelt das Bild des Schlosses vor dem Umbau, den die Fürnbergs vornahmen. Das Schloss war umgeben von einem weiten Gartengrund. Zum engeren Schlossbereich zählten Wirtschaftsgebäude (auch das Gebäude, in dem heute die Musikschule Wieselburg untergebracht ist, die sogenannte Haydn-Schule, wird zu dieser Zeit urkundlich erwähnt) und eine Kapelle. Die Fürnbergs renovierten das Schloss und gaben ihm ein zeitgemäßes, barockes Aussehen. Auch die Kapelle wurde barockisiert. Außerdem errichtete Baron Johann Karl von Fürnberg ein Benefizium für die Stelle eines Pfarrers an dem kleinen Gotteshaus.


Musikabende im Schloss Weinzierl und das erste Streichquartett

Schloss Weinzierl

Wie sahen nun die Musikabende zu Haydns Zeit im Schloss Weinzierl aus?

Von mehreren Haydnbiographen finden sich Berichte über die musikalischen Zusammenkünfte. Aus ihnen geht hervor, dass zwei Berufsmusiker und zwei Hobbymusiker (Dilettanten) vom Hausherren zum gemeinsamen Musizieren eingeladen wurden. Sie spielten Geige, Bratsche und Violoncello. Der Baron, seine Familie und etwaige Gäste waren die Zuhörer. Griesinger berichtet nach Haydns späteren Angaben darüber:

    “... Ein Baron Fürnberg hatte eine Besitzung im Weinzierl, einige Posten von Wien und er lud von Zeit zu Zeit seinen Pfarrer, seinen Verwalter, Haydn und Albrechtsberger - dieser hat das Violoncell gespielt – zu sich, um kleine Musiken zu hören. Fürnberg forderte Haydn auf, etwas zu komponieren, das von diesen vier Kunstfreunden aufgeführt werden könnte. Haydn nahm den Antrag an, und so entstand sein erstes Quartett welches gleich nach seiner Erscheinung ungemeinen Beyfall erhielt, wodurch er Muth bekam, in diesem Fache weiter zu arbeiten.“

Es handelte sich dabei wahrscheinlich um folgende Besetzung:
Die erste Geige spielte der Fürnbergsche Benefiziat an der Schlosskapelle Johann Joseph Fromiller, die zweite Geige war mit dem Gutsverwalter Mathias Leonhard Penzinger besetzt, der Komponist selbst spielte die Bratsche (er konnte gleichermaßen mit der Geige wie mit der Viola umgehen) und Albrechtsberger – wahrscheinlich der später berühmte Theoretiker Johann Georg, Domorganist in Wien und Kontrapunktlehrer Beethovens – war der Cellist. Diese Annahme wird durch Dokumente über die damalige Tätigkeit von J. G. Albrechtsberger als Organist der nahe gelegenen Wallfahrtskirche Maria Taferl unterstützt. 

Auch in der Biographie „Le Haydine“ vom Giuseppe Carpani (Mailand 1812) wird die Szene in Schloss Weinzierl beschrieben. In dieser Darstellung kommen die Spotanität des Wunsches und die Unmittelbarkeit seiner Erfüllung durch den jungen Komponisten deutlicher zum Ausdruck:

    „Eines Tages sagte der Baron zu Haydn, dessen Trios jeden Abend gespielt wurden: „Du könntest mir ein Quartett machen“. – „Ich werde es versuchen“, antwortete unser Joseph. Er nahm die Feder zur Hand, und es entstand jenes Quartett mit Sextolen in B-Dur, das alle Musikliebhaber sofort lernten.“

Wir erfahren also, dass auch andere Werke Haydns, seine frühen Streichtrios gespielt wurden und zwar sehr oft und dass der Hausherr auf Grund der Zahl der zufällig anwesenden Musiker und ihrer Instrumente von Haydn eine Musik verlangte, bei der alle vier Anwesenden mitspielen konnten. Und wir bemerken, dass Haydn dem Wunsch des Barons schnell und ohne Umschweife nachgekommen sein muß, so als sei das Komponieren von Streichquartetten das Selbstverständlichste von der Welt. Tatsächlich jedoch betritt Haydn kompositorisches Neuland. Er schreibt sein allererstes Streichquartett B-Dur op.1/1. Die „Gattung Streichquartett“ existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht.(Boccherini hat etwa zur gleichen Zeit ebenfalls erste Quartette verfasst).

So wird diese Szene zu einem eindrucksvollen Beispiel für Haydns unglaubliche Fähigkeit, sich spontan auf neue Herausforderungen einzustellen und kreativ darauf zu reagieren. Und sie zeigt, wie frei sein schöpferischer Geist ist: Er braucht keine vorgegebenen Regeln, keinen Kanon der kompositorischen Konventionen, um ein Werk zu schaffen, das von allen Anwesenden begeistert aufgenommen wird und dem noch viele Divertimenti a quattro, folgen werden (insgesamt 10 frühe Quartette dieser Art).

Die Aufführung der ersten Streichquartette erlebt auch ein preußischer Offizier mit, Major Weirach. Er ist als Kriegsgefangener bei den Fürnbergs einquartiert und wird als Gast behandelt. Er berichtet:

    „Daß er von diesem ebenso bescheidenen als genialen Künstler dessen erste Quartetten selbst vorgetragen hörte. Der bis zur Ängstlichkeit bescheidene Mann war, ohnerachtet alle Anwesenden von seinen Compositionen entzückt waren, nicht zu überzeugen, dass seine Arbeiten werth seien in der musicalischen Welt bekannt gemacht zu werden.“

Diese Beobachtungen bestätigen die scharfe Selbstkritik, die Haydns musikalisches Schaffen auch weiterhin begleiten und fördern wird. Jene Bescheidenheit, übersteigert ins Ängstliche, wie sie hier berichtet wird, zeigt wohl, dass der junge Mann, dem unmittelbaren Erlebnis des Erfolges seiner Arbeit noch nicht ganz gewachsen war. Aber Selbstbewusstsein und Souveränität werden sich noch einstellen.

Hanschrift Haydn

Die zehn Divertimenti a quattro

Mit der Gruppe von 10 Werken für zwei Violinen, Viola und Violoncello, die wahrscheinlich zwischen 1755 und 1757 entstanden sind, hat Joseph Haydn die Grundlage für die eigentliche Entwicklung der Gattung Streichquartett geschaffen. Er hat diese neue Form in späteren Jahren in veränderter Form wieder aufgegriffen und immer weiter an ihr gearbeitet. Sie wurde zu seiner persönlichsten und intimsten Form der musikalischen Kommunikation.

Die 10 frühen Quartette aus der Weinzierler Zeit sind im Zuschnitt ganz einheitlich, im Detail aber höchst kunstvoll voneinander unterschieden. Zu dieser Schöpfung „ex nihilo“ gehört die Festlegung der Grenzen, die die Gattung als solche erst definiert. Die Grundform der zehn Werke ist das fünfsätzige Divertimento: Zwei schnelle oder sehr schnelle Sätze bilden den äußeren Rahmen, zwei Menuette stehen zwischen ihnen, und zwischen den Menuetten liegt ein sehr langsamer Satz (Adagio). Der langsame Satz schafft mit unterschiedlichen Mitteln einen lyrischen Kontrast zu den tänzerischen Menuetten und ist der einzige, der nicht in der Grundtonart steht. Die Menuette sind komplexer angelegt als die anderen Sätze, nicht zuletzt wegen des immer wieder neu definierten Verhältnisses zwischen Menuett und Trio. Haydn vermeidet höfisch - galant stilisierte Menuette: Die Themen sind vielmehr einfach und volkstümlich. Diese Einfachheit des Materials steht in starkem Kontrast zur äußerst komplexen Verarbeitung. Hierin deutet sich schon Eigenart und Rang der entstehenden Gattung Streichquartett an.

Die 10 Divertimenti waren die ersten Kompositionen Haydns, die gedruckt als op.1 und op. 2 und handschriftlich europaweit verbreitet wurden und den Komponisten berühmt machten.

Sie werden begeistert aufgenommen und als neuartig und heiter erlebt. Sie stecken voll Überraschungen und witzigen Details. Der Lexikograph Gerber schrieb darüber rückblickend:

    „Schon seine ersten Quatros, welche um das Jahr 1760 bekannt wurden, machten allgemeine Sensation. Man lachte und vergnügte sich auf der einen Seite an der außerordentlichen Naivetät und Munterkeit, welche darinne herrschte, und in anderen Gegenden schrie man über Herabwürdigung der Musik zu komischen Tädeleyen...“

Der Vorwurf der Tändelei aus konservativer musiktheoretischer Perspektive kam aus Mittel- und Norddeutschland.


Weinzierl als Wendepunkt

Für Joseph Haydn

Die Aufenthalte in Schloss Weinzierl bezeichnen für Haydn in mehrfacher Hinsicht einen Wendepunkt.

Beim Komponieren und Musizieren im Schloss des Baron Fürnberg erlebt er begeisterte Anerkennung für seine Werke durch eine qualifizierte Zuhörerschaft. Er erfährt persönliche Wertschätzung in seinem Status als Komponist. Wie er rückblickend vermerkt, gab ihm diese positive Aufnahme Mut zu weiterer Arbeit in dieser Richtung. Und die Veröffentlichung der Quartette macht ihn als Komponist bekannt.

Der junge Mann hat aus dieser Situation sicherlich auch für kommende öffentliche Auftritte gelernt und an Selbstvertrauen gewonnen. Er hat musikinteressierte Freunde gefunden, die seine Arbeit schätzen und ihm aus seiner beengten Lebens- und Arbeitssituation helfen können, allen voran Karl Joseph Edlen von Fürnberg. Über dessen Vermittlung wird Joseph Haydn 1758/1759 als Musikdirektor des Grafen Ferdinand Maximilian Franz Morzin eingestellt. Haydn beschreibt dies in seinen autobiographischen Notizen so:

    “Endlich wurde ich durch Reccommandation des Sel: Herrn v. fürnberg (von welchen ich besonders gnaden genossen) bey Herrn Grafen v. Morzin als Directeur, von da aus als Capell Meister bey S: Durchl. dem fürsten an und aufgenohmen...“

Diese Anstellung bedeutet nicht nur eine Existenzsicherung, sondern sie schafft ihm Freiraum, sein Talent voll zu entfalten und legt das Fundament für seine große Karriere als Komponist.


Für die Musikgeschichte

Für die europäische Musikgeschichte ist die Erfindung und Entwicklung der Gattung Streichquartett durch Joseph Haydn von unschätzbarem Wert. Das Streichquartett wird zum Kernstück des musikalischen Schaffens, zur Gattung an der sich große Komponisten von der Wiener Klassik bis zur Gegenwart versucht und gemessen haben. Bernard Fournier schreibt in seinem Buch Estétique du Quatuor à Cordes:“ Erst 150 Jahre nach dem Erscheinen der Instrumentenfamilie der Geigen ist es dem Genie eines Mannes, Joseph Haydn, zu verdanken, dass ein neues Genre entstand und sich entwickelte, das sehr schnell als das intellektuelle, ästhetische und spirituelle Ideal aller beteiligter Parteien – Komponisten, Interpreten und Publikum – anerkannt wurde: das Streichquartett.“


Für die Wiener Klassik

 Der bedeutende Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht zeigt in seiner profunden Musikgeschichte „Musik im Abendland“, wie Joseph Haydns frühe Biographie sowie Charakteristika seines Wesens und Schaffens im gegebenen Umfeld des Musiklebens in Wien zwischen 1740 und 1760 zusammenwirken, um ihn zum ersten Exponenten der Wiener Klassik werden zu lassen. Er nennt die frühe Musikerfahrung im Elternhaus, den Musikunterricht in Hainburg und die profunden Kenntnisse der Kirchenmusik aus seiner Zeit im Konvikt ebenso wie die Erfahrungen mit der Volks- und Gebrauchsmusik aus der Zeit seiner erzwungenen Selbständigkeit. Er beweist, dass vom Wiener Musikleben mehr als von dem anderer Städte Europas Beweglichkeit und Vielseitigkeit für die Entfaltung der Wiener Klassik ausgingen. Er nennt Haydns Kontakte zu wesentlichen Komponisten dieser Zeit und hebt als Beweis für Haydns Integration ins Wiener Musikleben seinen Kontakt zu Baron Fürnberg und die Komposition der ersten Streichquartette hervor.
 
 Eine Analyse zweier Menuettsätze aus einem Quartett aus op.1 und einem aus op. 77 lässt Eggebrecht schließen, dass zu Haydns Kompositionstechnik schon in den frühen Quartetten das sich gegenseitig bedingende Nebeneinander von Eingängigkeit (Verstehbarkeit, Durchsichtigkeit, musikalischer Selbstverständlichkeit) und Kunstfertigkeit (kompositorisch durchdachter Subtilität) zählt, das als wichtiges Kennzeichen für die „Wiener Klassik“ angesehen wird.
 
 Musikalische Selbstverständlichkeit, lied- und tanzhafte Periodik und eine in höchstem Grade kunstvolle Natürlichkeit gepaart mit größter Kunstfertigkeit im Tonsatz und individualisiertem Ausdruck sind für die späten Quartette bestimmend. Haydn lotet die Grenzen des kompositorisch Möglichen aus, zeigt sich als ein früher Vollender der Gattung Streichquartett und behält dabei Grundmuster, wie sie sich in den frühen Quartetten zeigen, bei.
 
 Vom Komponisten und Brahmsfreund Ferdinand Hiller (1877) stammt eine wunderschöne Hommage an Joseph Haydn und sein kompositorisches Schaffen, die ich auszugsweise zitieren möchte:
 
     „Seit einiger Zeit beginne ich mein Tagewerk mit einem reizenden Morgensegen, - ich lese täglich ein Quartett von Haydn, - dem frommsten Christen kann ein Kapitel aus der Bibel nicht wohler thun... Könnte alle Welt Musik lesen, Haydn wäre einer der größten Wohltäter der Menschheit... Ein in sich vollendeter Künstler und Mensch tritt uns in voller einfacher Schönheit entgegen. Wie freut er sich, ohne alle Überhebung, des Glückes, das er zu spenden sich bewußt sein musste... Denn in dem kleinsten Zuge liegt eine Meisterhaftigkeit, die umso größer ist, als sie durchaus nicht groß thut“
 
 Gloria Bretschneider